Krieg

oder

Die Mißachtung



... cher comte. Si vous le voyez, je vous prie bien de lui faire mes compliments, Capitaine Latour«, fügt er mit einer Verbeugung hinzu.

»N'est-ce pas terrible, la triste besogne, que nous faisons ? Ca chauffait cette nuit, n'est-ce pas ?« fährt der Kavallerist, der das Gespräch weiterführen möchte, fort und zeigt auf die Leichen.

»Oh, monsieur, c'est affreux ! Mais quels gaillards vos soldats, quels gaillards! C'est un plaisin que de se battre avec des gaillards comme eux.«

»Il faut avouer, que les votres ne se mouchent pas du pied non plus«, meint der Kavallerist mit einer Verbeugung und findet sich sehr liebenswürdig.

["... sehr geehrter Graf. Wenn Sie ihn sehen, bitte ich Sie, ihm meine Komplimente zu übrbringen, Captain Latour." - "Ist es nicht schrecklich, die traurige Arbeit, die wir tun? Es war heiß in der Nacht, nicht wahr?" - "Oh, Sir, das ist schrecklich! Aber was für prächtige Burschen ihre Soldaten sind, was für prächtige Burschen! Es ist ein Vergnügen mit solchen zu kämpfen wie diesen."]

Aber genug.

Schau lieber auf diesen zehnjährigen Knaben, der in einer alten Mütze seines Vaters, mit Schuhen an den nackten Füßen und in Nankinghosen, die nur durch Bänder gehalten werden, gleich nach dem Waffenstillstand über den Wall gelaufen kam und nun durch das Tal schlendert, mit stumpfer Neugier die Franzosen und die auf der Erde liegenden Leichen betrachtet und dabei die blauen Feldblumen pflückt, mit denen das ganze Elendstal übersät ist. Als er mit einem großen Strauß, in den er wegen des Gestankes, den der Wind ihm zuträgt, die Nase hineinsteckt, wieder nach Hause gehen will, bleibt er vor einem Haufen zusammengetragener Leichen stehen und betrachtet lange einen furchtbar verstümmelten Leichnam ohne Kopf, der dicht vor ihm liegt. Nachdem er eine ganze Weile so da gestanden hat, will er noch näher herantreten und berührt dabei mit dem Fuße den ausgestreckten starren Arm der Leiche. Der Arm bewegt sich ein wenig. Er berührt ihn noch einmal und stärker, wieder bewegt sich der Arm und fällt auf seinen Platz zurück. Der Knabe schreit plötzlich auf, versteckt sein Gesicht in den Blumen und läuft, so schnell er kann, auf die Festung zu.

Ja, auf der Bastion und auf dem Laufgraben sind weiße Fähnlein gehißt, das blühende Tal ist mit stinkenden Leichen angefüllt, die herrliche Sonne sinkt von einem durchsichtigen Himmel in das blaue Meer, und das blaue, wogende Meer leuchtet in den goldenen Strahlen der Sonne. Tausende yon Menschen drängen sich, schauen, unterhalten sich und lächeln einander zu. Und alle diese Menschen sind Christen, die sich zu dem großen Gebot der Liebe und Selbstverleugnung bekennen, und fallen beim Anblick dessen, was sie getan haben, nicht vor Reue auf die Knie vor dem, der ihnen das Leben gegeben und dabei in die Seele eines jeden, zusammen mit der Todesfurcht, auch die Liebe zum Guten und Schönen gelegt hat ? Und sie umarmen einander nicht wie Brüder, Tränen des Glücks und der Freude in den Augen ? Nein ! Die weißen Fähnlein werden verschwinden - und wieder werden die Geschütze, Tod und Verderben speiend, pfeifen, wieder wird ehrliches, unschuldiges Blut vergoßen werden und Stöhnen und Fluchen zu hören sein.

Ich habe gesagt, was ich sagen wollte; doch schwere Bedenken suchen mich heim. Vielleicht hätte ich es nicht sagen sollen. Vielleicht gehört das, was ich gesagt habe, zu jenen schlimmen Wahrheiten, die sich unbewußt in der Seele eines jeden verbergen und nicht ausgesprochen werden dürfen, um nicht schädlich zu wirken, wie der Bodensatz beim Wein, den man nicht aufschütteln darf, um den Wein nicht zu trüben.

Wo ist das Spiegelbild des Bösen, das man meiden soll? Wo das Spiegelbild des Guten, dem man in dieser Erzählung nacheifern muß ? Wo ist der Bösewicht, wo der Held? Alle sind gut, und alle sind schlecht.

Weder Kalugin mit seiner glänzenden Tapferkeit (bravour de gentilhomme) und seiner Ruhmsucht, die der Motor all seiner Handlungen ist, noch Praskuchin, dieser hohle, aber ungefährliche Mensch, obgleich er im Kampfe für Glauben, Thron und Vaterland fiel, noch Michailow in seiner Befangenheit und beschränkten Einsicht, noch Pest, ein Kind ohne feste Überzeugungen und Grundsätze - sie alle sind weder Bösewichte noch Helden.

Der Held meiner Erzählung, den ich mit allen Kräften meiner Seele liebe, in seiner ganzen Schönheit zu schildern mich bemüht habe, der immer schön ist, war und sein wird, ist - die Wahrheit.

26. Juni 1855
Lev Tolstoi (Berichte aus dem Krimkrieg)


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