Was ist Frieden ?

oder

Hier mal ein paar Gedanken zum Thema: Was kann uns leiten bei der Lösung zwischenmenschlicher Proleme?
Was bedeutet geistige Evolution?

Es sind Gedanken, die in Ideen münden, also quasi Erfindungen, die die Menschheit in der Entfaltung ihrer Weltbestimmung weiterbringen. Diese Methode war/ist notwendig, um im Menschen das Prinzip der freien Selbstbestimmung zu gewährleisten, die in der Natur in diesem Umfang bisher nur beim Menschen verwirklicht wurde.



Krieg und Frieden

Gewiß haben jene recht, welche den Krieg den Ur- und natürlichen Zustand nennen. Insofern der Mensch ein Tier ist, lebt er durch Kampf, lebt auf Kosten anderer, fürchtet und hasst andere. Leben ist also Krieg.
Was "Friede" sei, ist viel schwerer zu bestimmen. Friede ist weder ein paradiesischer Urzustand noch eine Form durch Übereinkunft geregelten Zusammenlebens. Friede ist etwas, was wir nicht kennen, was wir nur suchen und ahnen. Friede ist ein Ideal. Es ist etwas unsäglich Kompliziertes, Labiles, Bedrohtes - ein Hauch genügt, um ihn zu zerstören. Dass auch nur zwei Menschen, die aufeinander angewiesen sind, in wahrem Frieden miteinander leben, ist seltener und schwieriger als jede andere ethische oder intellektuelle Leistung.
Dennoch ist der Friede, als Gedanke und Wunsch, als Ziel und Ideal, schon sehr alt. Seit Jahrtausenden schon besteht das mächtige, für Jahrtausende grundlegende Wort: "Du sollst nicht töten". Dass der Mensch solcher Worte, solch ungeheurer Forderungen fähig ist, das kennzeichnet ihn mehr als jedes andere Merkmal, es scheidet ihn vom Tier, trennt ihn scheinbar von der "Natur".
Der Mensch, so fühlen wir bei solchen mächtigen Worten, ist nicht Tier, er ist überhaupt nichts Festes, Gewordenes und Fertiges, nichts Einmaliges und Eindeutiges, sondern etwas Werdendes, ein Versuch, eine Ahnung und Zukunft, Wurf und Sehnsucht der Natur nach neuen Formen und Möglichkeiten. "Du sollst nicht töten!" war zur Zeit, wo das Wort zuerst aufgestellt wurde, eine Forderung von ungeheuerstem Umfang. Es war nahezu gleichbedeutend mit: "Du sollst nicht atmen!" Es war scheinbar unmöglich, scheinbar wahnsinnig und vernichtend. Dennoch ist dieses Wort in vielen Jahrhunderten aufrecht geblieben und gilt heute wie immer, hat Gesetze, Anschauungen, Sittenlehren geschaffen, hat Frucht getragen und das Menschenleben umgerüttelt und umgepflügt wie wenig andere Worte.
Das "Du sollst nicht töten!" ist nicht das starre Gebot eines lehrhaften "Altruismus". Altruismus ist etwas, was in der Natur nicht vorkommt. Und "Du sollst nicht töten!" heisst nicht: du sollst dem anderen nicht weh tun! Es heisst: du sollst dich selbst des anderen nicht berauben, du sollst dich selbst nicht schädigen! Der andere ist ja kein Fremder, ist ja nichts Fernes, Beziehungsloses, für sich Lebendes. Alles auf der Welt, alle die tausend "anderen" sind ja für mich nur da, insofern ich sie sehe, sie fühle, Beziehungen zu ihnen habe. Aus Beziehungen zwischen mir und der Welt, den "anderen", besteht ja einzig mein Leben.
Dies zu erkennen, dies zu ahnen, diese komplizierte Wahrheit zu ertasten, war der bisherige Weg der Menschheit. Es gab Fortschritte und Rückschritte. Es gab Lichtgedanken, aus denen wir uns dann doch wieder finstere Gesetze und Gewissenshöhlen bauten. Es gab seltsame Dinge wie die Gnosis, wie die Alchimie, von welchen manche Heutige genau zu wissen glauben, wie töricht sie waren, während sie vielleicht höchste Gipfel auf dem Menschheitswege der Erkenntnis waren. Und aus der Alchimie, welche ein Weg zur reinsten Mystik und zur letzten Erfüllung des "Nicht töten!" war, haben wir lächelnd und überlegen eine technische Wissenschaft gemacht, welche Sprengstoffe und Gifte herstellt. Wo ist da Fortschritt? Wo Rückschritt? Es gibt beides nicht.
(Hermann Hesse, 1918)



Kriegsgegner und Aussteiger
Durch die Erfahrung des Weltkriegs war Hesse zum entschiedenen Kriegsgegner und Befürworter der Verweigerung geworden. Im September/Oktober 1917 verfasste Hesse in einem dreiwöchigen Arbeitsrausch seinen Roman Demian, im zweiten Teil ein Niederschlag seiner Zeit auf dem Monte Verità. Das Buch wurde nach Kriegsende 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair veröffentlicht, "um die Jugend nicht durch den bekannten Namen eines alten Onkels abzuschrecken". Aber auch, wie Hesse in einem Brief an Eduard Korrodi schrieb, weil "der diese Dichtung schrieb, nicht Hesse war, der Autor soundsovieler Bücher, sondern ein anderer Mensch, der Neues erlebt hatte und Neuem entgegenging". Als Zeitzeuge äußerte sich Thomas Mann: "Unvergesslich ist die elektrisierende Wirkung. des Demian,.. eine Dichtung, die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine Jugend, die wähnte, aus ihrer Mitte sei ihr ein Künder ihres tiefsten Lebens entstanden (während es schon ein Zweiundvierziger war, der ihnen gab, was sie brauchte), zu dankbarem Entzücken hinriß.."

Von Hermann Hesse sollte man etwas gelesen haben.


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